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Wednesday, October 28, 2015
Tuesday, April 09, 2013
Der pfiffige Hans
Vor vielen, vielen Jahren
lebte einmal ein Mann, der einen Sohn hatte. Als derselbe größer ward, musste
er sich bei fremden Leuten als Hirt verdingen. Eine geraume Zeit hatte er sich
und seinen Vater ernährt, als er plötzlich Lust zum Wandern bekam. Nichts konnte
Hansen mehr abhalten; nur draußen meinte er, könne er sein Glück machen. Er
machte sich daher auf die Strümpfe und wanderte in eine große Stadt. Als er in
eines der ersten großen Gasthäuser eintrat, hörte er, dass der König seine
Tochter vermählen wolle und dass sich ein jeder als Bewerber melden könne. Hans
dachte, versuchen kostet ja nichts, und ließ sich anmelden. Des andern Tages
begaben sich alle Freier auf eine große Wiese; dort warf die Königstochter so
viele Erdäpfel, als Bewerber waren, in die Luft. Derjenige, welcher nichts
auffing, musste abziehen; wer aber einen erwischte, der sollte drei von der
Königstochter gegebene Aufgaben lösen. Keinem war dies gelungen, und sie mussten
mit stumpfer Nase abziehen. Nun erst kam Hans, wegen seiner niederen Herkunft
der letzte, an die Reihe.
Die erste
Aufgabe, welche keiner gelöst hatte, war die, dass Hans einige hundert Hasen
hüten sollte, und am Abend musste er sie wieder vollzählig zurückbringen.
Hans ging
den Tag über ganz betrübt im Walde herum, denn er hatte alle Hoffnung auf das
Gelingen aufgegeben, als plötzlich, wie aus der Erde hervorgewachsen, ein
altes, runzlichtes Weib vor ihm stand. Ganz erschrocken wollte er fortlaufen;
allein das Weib hielt ihn fest und fragte ihn freundlich, warum er so betrübt
sei. Hans meinte, es könnte ihm niemand helfen; doch sagte er ihr den Grund, um
ihre Zudringlichkeit los zu werden, und wollte soeben weitergehen, als sie ihn
zurückrief und ihm eine kleine Pfeife zuwarf. Hans konnte sich nicht denken, zu
was diese Pfeife dienen sollte; indes steckte er sie ein und ging, da es schon
Abend war, nach Hause zurück. In aller Frühe lenkte er seine Schritte zum
Schloss. Bald ward es daselbst lebendig, und die Königstochter befahl, die
Hasen aus dem Stalle zu lassen; aber als der letzte draußen war, konnte man von
keinem eine Spur mehr entdecken. Hans lief nach und kam auf eine Wiese, die
mitten im Walde lag, suchte seine Pfeife hervor und pfiff, dass der Wald vom
Echo ertönte. Im Nu waren alle Hasen wieder da. Das war ihm eine gemähte Wiese.
Die Königstochter, welche den Schäfer nicht zu ihrem Gemahl haben wollte,
suchte durch List ihm einen Hasen zu entlocken. Sie verkleidete sich als
Bauermädchen, nahm einen Korb an den Arm und ging so zum Hans in den Wald. Hans
erkannte sie sogleich, ließ aber nichts merken, sondern wartete, bis sie zu ihm
herangekommen war. Sie fragte ihn, ob er keine Hasen feil habe. Er antwortete
mit einem kurzen Nein. »Aber auf welche Art kann ich mir wenigsten einen
verdienen?« fragte sie. – »Wenn du freundlich und herzlich mit mir bist«,
entgegnete er. Nach einigem Zögern gab ihm die Königstochter einen Kuss, und
sie erhielt den verlangten Hasen. Freudig entfernte sie sich; kaum war sie aber
eine Strecke gegangen, als Hans aus Leibeskräften zu pfeifen anfing. Hurtig
sprang der Hase aus dem Korbe, und in einem Augenblick war er wieder bei der
Herde. Die Königstochter hatte nichts davon gemerkt und entdeckte erst zu Hause
ihren Verlust.
Nun beschloss
der König selbst hinzugehen, um Hansen einen Hasen auf irgendeine Weise
abzulocken. Er verkleidete sich und machte sich als Jude mit einem Esel und
zwei Tragkörben auf den Weg zur Waldwiese. Hans erkannte ihn sogleich, ließ
aber nichts merken und pfiff ruhig ein angefangenes Stückchen weiter. »Hast du
einen Hasen zu verschachern?« fragte der König. – »Wenn du mir etwas zu
Gefallen tust, sollst du einen umsonst haben«, sagte Hans. Der verkleidete
König machte dabei ein ganz verklärtes Gesicht und fragte: »Nun, was kann ich
dir tun?« Hans sagte: »Gib dem Esel, den du bei dir hast, einen Kuss unter den
Schweif.« Anfangs sträubte sich der Jude gar sehr, allein zuletzt ließ er sich
dazu bewegen und tat, was Hans verlangt hatte. Er bekam nun seinen Hasen,
welchen er in einen der Körbe steckte und dann seines Wegs weiter zog. Als er
ein wenig entfernt war, ließ Hans seinen Lockruf ertönen, und sogleich war die
Herde wieder vollzählig.
Abends trieb
Hans seine Herde ins Schloss zurück, und niemand konnte ihm die Lösung der
ersten Aufgabe, welche die schwerste war, abstreiten. Nun kam aber die zweite.
Er sollte nämlich mehrere Metzen Erbsen und Fisolen in einer stockfinstern
Kammer voneinander sondern. Er ging hin, tat einen Pfiff, und sogleich waren
einige hundert Ameisen da, welche zu kroseln und zu schaffen anfingen. Nach
einiger Zeit lagen Erbsen und Fisolen gesondert in Haufen. Das war für den
König ein Verdruss, und er stellte nun eine dritte Aufgabe. Hans sollte nämlich
viele hundert Eier vom Grund eines tiefen Sees, und zwar zur Nachtzeit holen.
Er begab sich zum See und pfiff, und sogleich waren eine Menge Fische da,
welche schon vor Tagesanbruch die Eier herausgeholt hatten. Jetzt hatte er
gewonnen Spiel, und da er ein hübscher Bursche war, so willigte endlich die
Königstochter ein und heiratete ihn. Hans nahm seinen alten Vater zu sich, ward
später König und lebte glücklich und zufrieden.
Vernaleken, Theodor: Kinder- und Hausmärchen dem Volke treu nacherzählt. 3.Auflage, Wien/Leipzig, 1896
Wednesday, March 27, 2013
Die schöne Turteltaube
Der Sohn
eines Königs ging einst auf die Jagd. Da gewahrte er eine Turteltaube mit
goldenen Federn. Er schoss danach, und sie fiel zur Erde nieder. Aber wie
erstaunte er, als er sie aufheben wollte und an ihrer Stelle ein wunderschönes
Mädchen antraf. »Dich möchte ich gleich heiraten,« rief er aus, »wenn es der
König, mein Vater, erlaubte. Warte, bis er einwilligt!«
Damit führte
er die Schöne in das entlegene Haus einer alten Hofdame, die ihr ein hübsches
Zimmer überließ, vor dem sich ein Ziehbrunnen befand. Als nun die Hausmagd,
eine hässliche sarazenische Sklavin, an den Brunnen trat, um Wasser zu
schöpfen, sah sie im blanken Spiegel der Tiefe das Antlitz der schönen
Jungfrau, die gerade aus ihrem Fenster herniederschaute. Die Sklavin, die sich
einbildete, ihr eigenes Gesicht zu erblicken, zerschlug heftig ihren Krug und
erwiderte ihrer zürnenden Herrin: »Wahrlich, zum Wasserholen bin ich doch wohl
zu schön.«
Mit einem
neuen Kruge zum Brunnen zurückkehrend, schaute sie dasselbe Gesicht und
zerschlug das mitgebrachte Gefäß grimmiger als das erste. – Bei ihrem dritten
Erscheinen konnte jedoch das aufmerksame Mädchen nicht länger still bleiben,
sondern musste laut lachen. Die Hässliche guckte empor und sprach scheinbar
erfreut: »Ah, du warst es also! Wie reizend du bist! Gestatte, dass ich dir
diene! Ich will dich ankleiden und dir die schönen Haare kämmen!«
Wie sie aber
nun beim Kämmen das Mädchen heimtückisch mit einer großen Haarnadel stach, um
es zu töten, wurde es plötzlich wieder zur Turteltaube und flog davon, während
die Sklavin ihren Fensterplatz einnahm.
Als der
Königssohn nach dem Tode des Vaters erschien, um die schöne Braut heimzuführen,
erschrak er nicht wenig, wie ihn die hässliche Sklavin als Bräutigam begrüßte.
»Wohin ist
deine Schönheit geschwunden? Wie bist du jetzt hässlich!« rief er betrübt.
Und sie
antwortete ihm:
»Bin gewesen
im Winde,
hab' mich
verändert geschwinde.
Bin
verbrannt von der Sonnen,
hab' andere
Farbe gewonnen.
Kehrt zurück
das frühe Jahr,
werd' ich
wieder, wie ich war.«
So nahm der
junge König die Hässliche an Stelle der Schönen, die nun täglich als
Turteltaube die königliche Küche besuchte und zum Koch, der sie mit guten
Brosamen speiste, sagte:
»Koch meiner
Küche, sage mir an,
was wohl der
König mit der Sklavin getan!
Gute Brocken
gibst du mir,
ich lasse
dir schöne Federn dafür.«
Dabei
schüttelte sie sich und ließ goldene Federn zurück, so dass der Koch bald ein
reicher Mann wurde. Der König erfuhr es und ging in die Küche, um die
wunderbare Taube zu sehen. Sie kam auch, verzehrte ihre tägliche Speise, sagte
ihren Spruch, hinterließ goldene Federn und enteilte durchs Fenster. Der König
aber schaute hinterdrein und verlor sie nicht aus dem Auge. Dann folgte er ihr
und kam in das Haus, wohin er einst das schöne Mädchen gebracht hatte. Er
klopfte an die Tür und fragte die Alte, die ihn einließ: »Wer wohnt hier im
Hause?«
»Niemand,
Majestät!« – »Ich frage als König und verlange die Wahrheit zu hören!« –
»Wahrhaftig, Majestät, außer mir wohnt niemand im Hause. Nur eine Turteltaube
sitzt hinter einem alten Bilde.«
»Komm,
Täubchen, komm!« rief der gütige König. Und zutraulich kam sie. Er streichelte
sie und bemerkte am Kopfe einen Höcker. Es war der Knopf einer Nadel. Schnell
zog er sie heraus, und lächelnd stand vor ihm die liebliche Braut, die nun
Königin wurde. Die hässliche Sklavin aber wurde zum Tode verurteilt, wie sie es
verdiente.
Zschalig, Heinrich: Die Märcheninsel. Märchen, Legenden und andere Volksdichtungen von Capri
Monday, March 11, 2013
Der Bastelicaner und sein Esel
Ein Bastelicaner zog eines Nachts mit seinem Esel, der mit Käse beladen war, seines Weges. Der Himmel war mit Wolken bedeckt und nur von Zeit zu Zeit zerstreute sie ein heftiger Wind. Unsere Wanderer kamen zu einem kleinen Fluss und suchten eine Furt. Da bekam der Esel Durst und begann zu trinken. Doch gleichzeitig verdeckte eine Wolke den Mond und es wurde stockfinster.
»Das elende Vieh verschluckt den Mond,« dachte der
Bastelicaner bei sich und schlug mit der Faust auf das Tier los. »Wirst
du ihn herausgeben! Beeilen wir uns. Wie, du lässt dich bitten? Du
willst alles in Finsternis lassen? Gut, warte nur!«
Er schlug mit seinem Stock wie ein Wilder auf den widerspänstigen Esel
los. Bald darnach, der Wind hatte einstweilen die Wolke weggefegt,
erstrahlte der Mond in seinem alten Glanz. »Ich wusste es ja, dass du
ihn wieder herausgibst; für solche Starrköpfe wie du, sind Stockschläge
sehr heilsam.«
Der Mond verschwand neuerdings. »Was, schon
wieder! Du willst also, dass ich mir den Hals breche? Du kannst sicher
sein, ich lasse nicht nach, ich werde dich am trinken hindern. Huiss,
huiss!« Er zerschlug beinahe den Kopf seines Esels.
»Rascher, rascher! Ich habe keine Zeit zum warten.
Huiss, huiss!« Das arme Tier brach infolge der Schläge tot zu den
Füßen seines gescheiten Herrn nieder. Im selben Augenblick erschien der
Mond wieder.
»A, das ist ein Glück! Ich glaube, wenn ich das
Vieh nicht getötet hätte, wäre der Mond für immer verschwunden gewesen.
Das wäre für die Welt nicht gut, wenn er sich von jedem nächstbesten
Trottel verschlingen ließe.«
Ganz glücklich und stolz über seine Tat, nahm der
Bastelicaner die Käse, belud sich damit und trabte frohgemut seinem
Heimatsdorf zu.
Blümml, Emil Karl: Schnurren und
Schwänke des französischen Bauernvolkes. Leipzig: Deutsche
Verlagsaktiengesellschaft, 1906, S. 57-58.
Märchen aus Korsika
Wednesday, February 27, 2013
Der sprechende Baum
Es war
einmal ein Jäger, der ging in den Wald. Er verirrte sich und gelangte an einen
mächtigen See. Aus dem See kam ein großer Drache, der sprach zu dem Manne: »Erschieß
mich nicht!« Da schrie der Mann: »Warum soll ich dich nicht erschießen, du frisst
mich ja auf!« - »Das tu ich nicht, lass mich zu dir. Sieh, hinter mir her kommt
ein anderer Drache, der will mich fressen; den schieß und ziel nach dem weißen
Fleck auf seiner Brust!« Da kam der andre Drache mit Gebraus. Der Jäger schoss
nach dem weißen Fleck, und der Drache starb. Da ging der erste Drache hin und
fraß ihn auf. Dann bat er den Mann, sich auf seinen Rücken zu setzen, aber der
getraute sich nicht. »Setz dich, setz dich, ich bringe dich fort!« Nun - da tat
er es. »Es sind nur fünf Werst bis zum Dorf«, sagte der Drache, »lass mich dir
in den Mund blasen.« Der Mann erschrak, warf sich auf die Knie und weinte, aber
der Drache sprach: »Du brauchst nicht zu weinen, ich will dich sehr klug
machen.« Da ließ es der Mann geschehen, und er wurde sehr klug.
Er ging nach Hause und sagte zu seinen Brüdern: »Schirrt die Pferde an, wir wollen eine goldene Schale aus dem Wald holen.« Sie gingen in den Wald, gingen einen halben Tag, und die Brüder fragten: »Warum hast du, dummer Kerl, uns hierhergelockt?« Da rauschte ein großer Baum: »Hier unter meinen Wurzeln liegt die goldene Schale.« Sie gruben die goldene Schale heraus, zogen sie nach Hause, und als sie den Deckel öffneten, war sie voll von unzähligen Goldstücken.
Danach gingen die Brüder wieder in den Wald und fällten den Baum. Und der Baum sprach: »Nehmt mich als Türpfosten.« Das taten sie auch. Da mehrten sich Pferde und Kühe auf dem Gehöft, und das Brot im Speicher wurde nicht mehr alle.
Er ging nach Hause und sagte zu seinen Brüdern: »Schirrt die Pferde an, wir wollen eine goldene Schale aus dem Wald holen.« Sie gingen in den Wald, gingen einen halben Tag, und die Brüder fragten: »Warum hast du, dummer Kerl, uns hierhergelockt?« Da rauschte ein großer Baum: »Hier unter meinen Wurzeln liegt die goldene Schale.« Sie gruben die goldene Schale heraus, zogen sie nach Hause, und als sie den Deckel öffneten, war sie voll von unzähligen Goldstücken.
Danach gingen die Brüder wieder in den Wald und fällten den Baum. Und der Baum sprach: »Nehmt mich als Türpfosten.« Das taten sie auch. Da mehrten sich Pferde und Kühe auf dem Gehöft, und das Brot im Speicher wurde nicht mehr alle.
Finnland: August von Löwis of Menar: Finnische und estnische Märchen, 1995
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